Wochenbesinnung

Lied aus unserem Kirchengesangbuch: 360, 1-2

Es kommt ein Schiff, geladen bis an sein‘ höchsten Bord, trägt Gottes Sohn voll Gnaden, des Vaters ewigs Wort.“ - Das Schiff geht still im Triebe, es trägt ein teure Last; das l ist die Liebe, der Heilig Geist der Mast“.

Ein seltsames Adventslied. Uralt auch noch. Der mystische Text ist schon über 500 Jahre alt. Er fasziniert in seiner zeichenhaften Sprache immer noch. Er transportiert Gefühle, Phantasien:

 Ich sehe mich am Strand des blauen Meeres stehen, nur das Wasser und den Himmel vor Augen. Man hört nur das Rauschen der Wellen. Das Wasser ist sauber. Es scheint die Sonne. Das Schiff ist nicht hörbar, fast lautlos wie ein Segelschiff. Dieses Bild tut einem gut. Es lässt einmal zur Ruhe kommen.

Der Advent will eine Zäsur machen, einen Einschnitt.

Das neue Kirchenjahr, das am 1. Advent begonnen hat, markiert es. Etwas Neues beginnt. Wenn ein Schiff an Land ankommt, ist das immer ein grosses Ereignis. Es gibt einen alten Film mit Albert Schweitzer, dem berühmten Urwalddoktor über sein Spital im heutigen Gabun, aus den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Da kommt er langsam, gleitend, mit einer Piroge, einer Art Kanu, begleitet von Einheimischen, am Strand von Lambarene an, am breiten Fluss Ogowe. Gelassen, selbstsicher, so wie das monumentale Orgelwerk Bachs unnachahmlich eingespielt hat als begnadeter Organist .

Diese Ruhe, die in dem Adventslied angesprochen wird, steht in grossem Gegensatz zur Unruhe unserer Zeit. Schnell soll es gehen oft, und doch präzise. Kontrolliert. Beunruhigt sind wir, nicht nur durch die manchmal traurigen Ereignisse, von denen die Tageszeitungen berichten. Sondern auch durch manch andere bedenkliche Entwicklung. Zum Beispiel: Ein für Wirtschaftsfragen zuständiger Bundesrat hat die „Digitalisierung“ (die „Vercomputerisierung“ des täglichen und beruflichen Lebens) am Schweizer „Digitaltag“ als „Tsunami“ bezeichnet. Ein Katastrophe ist das, die uns bevorsteht, oder? Meint er damit die vielen Umstellungen im beruflichen Leben, die auf uns zukommen, wenn nicht irgendwo sinnvolle Grenzen gezogen werden? Der Mensch tritt dann in den Hintergrund. An Kassen von Lebensmittelläden sieht man jetzt schon mancherorts Kassiererinnen, die Kunden erklären müssen, wie sie in Zukunft die Ware selbst einscannen und digital mit Karte abrechnen sollen –die Kassierinnen und Kassierer schaffen sich damit selbst ab, ein seltsames, merkwürdiges Bild. Wie das wohl auf die Betroffenen wirkt?

Oder nehmen wir hier selbstfahrende Busse, an deren Steuer es keinen Ansprechpartner gibt, oder der jemand Älteres in den Wagen helfen kann. Diese autonomen Fahrzeuge werden euphorisch begrüsst, warum eigentlich?

Advent trifft auch auf die Situation von Leid, von Ungerechtigkeit. Advent ruft immer auch zur Umkehr, das gilt für alle, auch für uns. „Oh Heiland reiss die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf“, heisst ein altes Adventslied. „Komm in unsere stolze Welt, Herr, mit deiner Liebe Werben. Überwinde Macht und Geld, lass die Völker nicht verderben“, dieses Lied (EG 833) haben wir Sonntag mit dem tollen Chor gesungen.

Ja, aber, genau in diese leidende, zerrissene Welt kommt Gott. Ganz entschieden. Will er kommen und eine Zäsur machen. Hat er mit Jesus Christus schon eine Zäsur gemacht. Tröstet er, hilft er auf, führt zusammen. Ruft uns zur Umkehr, zum Frieden, zur Versöhnung. Zur Anteilnahme am Leid der Welt. Begeistert er Christen in den entferntesten Winkeln unserer Welt, selbst unter Gefahren. Gewinnt er neue Menschen, die sich mit ihm auf den Weg machen. An jedem Tag.

Lassen wir uns auch begeistern?

Das Segel ist die Liebe, der Heilig Geist der Mast, heisst es in dem Lied. Was heisst das: Wenn wir Liebe üben, dann nehmen wir den Wind auf. Wir müssen kein neuer Albert Schweitzer sein, der dann ausgestiegen ist dort in „Lambarene“, was zu deutsch heisst: „Wir wollen es wagen“. Dieser Schuh ist uns sicher viel zu gross.

Wenn wir Gutes tun, wenn wir Christus nachfolgen in unserem Tun, dann ehren wir dieses Schiff, das uns alle entlastet. Trotz aller unserer Unzulänglichkeit. Dann „kehren wir um“ und gewichten die „teure Last“ des Schiffes. Das Lied spricht in der fünften Strophe sogar vom „Mitleiden“ mit Christus.

Ich wünsche uns, Ihnen einen gesegneten zweiten Advent.

Gebet:

Herr, erfülle uns mit deinem heiligen Geist in dieser Advents- und Weihnachtszeit. Begeistere uns für Dein Geschenk der Liebe und Nähe, mitten in unserer zerrissenen Welt. Schenke uns Mut, Frohsinn, Dankbarkeit und inneren Frieden. Ein Herz und einen tiefen Sinn für dein Wirken. Dein Reich komme. Dein Wille werde geachtet. Herr segne diesen Advent. Und uns alle. Amen.

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