Wochenbesinnung

Monatsspruch August

«Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe»
(Matthäus 10,7)

«Zu sagen, man müsste was sagen, ist gut, man müsste, man müsste was sagen. Abwägen ist gut, es wagen ist besser, doch wer macht den Mund schon auf?»
Diese nachdenklichen Worte stammen von Lothar Zenetti. Und einem polnischen Sprichwort werden diese Worte zugeordnet: «Um an die Quelle zu kommen, muss man gegen den Strom schwimmen».

Einer, der etwas gewagt hat, einer, der gegen den Strom geschwommen ist, ist Werner Koch. Er war junger Pfarrer und Schüler des berühmten Theologen Karl Barth. Anfang der 30er Jahre hat er bei diesem in Bonn studiert. Der Basler Karl Barth war damals in Deutschland Orientierungspunkt für viele Theologiestudenten, die mit dem neuen Kurs der «Deutschen Christen» seit 1932 nicht einverstanden waren. Sie wollten das Kreuz und das Hakenkreuz, der Hitler-Bewegung nicht unterstützen, sondern bei der Botschaft der Bibel bleiben. Wozu die befreiende Botschaft auch vom Himmelreich (Matthäus 10,7) gehört - und nicht die damals bejubelten «1000-jährigen» neuen deutschen Reich, das bekanntlich nur 12 Jahre Bestand hatte.
«Bekennende Kirche» nannten sich die Protestanten in Deutschland, die sich dem Anpassungskurs an das NS-Regime widersetzten, manchmal unter Lebensgefahr, viele unter zahlreichen Gefahren und Schikanen.

Überraschung
Im Sommer 1936 machte der junge Vikar Helmut Gollwitzer, Mitglied im Vorstand der Thüringer Bekennenden Kirche in der Schweiz, am Bodensee, Urlaub. Wie immer kaufte er sich dort schweizerische Zeitungen, die nicht der deutschen Zensur unterlagen. Ihn traf der Schlag bei folgenden Schlagzeilen: Die Leitung der Bekennenden Kirche habe sich mit einer grossen (kritischen) Eingabe politischen Inhalts an den Führer und Reichskanzler gewandt. Gollwitzer hörte bisher nur heimlich davon, und jetzt steht es in der ausländischen Presse! Man wusste, wie empfindlich Hitler war, und das noch im Umfeld der Olympischen Spiele! Eine ganz wichtige Person, der für die Kontakte der Bekennenden Kirche im Ausland zuständig war und diese immer heimlich versorgte, war jener Werner Koch.
Kein Wunder, wenn Koch dann später festgenommen und verhaftet wurde. Nach mehr als einem Jahr KZ Sachsenhausen (es wurde während der Olympischen Spiele 1936 gebaut), kam er wie durch ein Wunder frei.

Befreiende, gültige Botschaft
Ja, dieser Satz aus dem Matthäusevangelium hat es in sich. Jesus beruft Jünger, die ihm helfen, die Botschaft vom Reich Gottes zu verbreiten, zur Zeit und Unzeit, auch gegen Widerstände. Viele lechzen danach, nach der Liebe und Gerechtigkeit Gottes, in ihrem Leben, im Leben aller Menschen überhaupt. Gott hat sie im Blick, sie sind nicht vergessen. Was für ein trostreiches Wort, das vom Himmelreich. Keine Vertröstung ins Jenseits, denn hier gilt schon das Wort, und es soll jetzt schon unsere Herzen und Sinne bewegen. Uns Impulse geben, auch zum Tun. Zur Hilfe.

Buch
Werner Koch hat seine Autobiographie in dem Buch «Sollen wir K. weiter beobachten?» (das fragte ein Gestapo-Mann seinen Vorgesetzten, mit K. war Koch gemeint) 1982 veröffentlicht. Darin  erzählt Werner Koch von seinem Leben im «Dritten Reich», von seiner Tätigkeit als geheimer Berichterstatter der ausländischen Presse über den deutschen Kirchenkampf (zwischen der Bekennenden Kirche und den «Deutschen Christen»), von seinen Erlebnissen im Konzentrationslager Sachsenhausen, seiner Tätigkeit als Kommandanturdolmetscher der Wehrmacht für insgesamt 70000 französische Kriegsgefangene, seiner Flucht nach England, seiner Beteiligung an deutschsprachigen Sendungen für die BBC London und seiner Tätigkeit als Lagerpfarrer in dem einzigen Lager, das die Engländer für deutsche Kriegsgefangene aus dem deutschen Widerstand eingerichtet haben.

Tochter Hanna
Seine Tochter Hanna, die in Südfrankreich lebt,  ist bei uns in der Kirchgemeinde am 25.9. im Rahmen der Karl-Barth-Ausstellung zu Gast und wird von ihrem Vater erzählen.

Auch wir haben die Aufgabe, in unserem Bereich, mit unseren kleinen Kräften auf das nahe Himmelreich hinzuweisen, und wenn es nur ein ermutigendes Wort ist oder eine mutige Einsprache.

Gebet:
«Herr, du kennst unsere Schwäche.
Du weisst, wie leicht wir den Mut verlieren.
Du weisst, wie ängstlich wir unsere Schritte setzen.
Aber du hast uns gerufen.
Darauf verlassen wir uns.
Wir wissen nicht, ob etwas herauskommt bei allem, was wir in deinem Namen tun.
Aber das Werkzeug braucht sich nicht zu ängstigen um den Sinn des Werks.
Du hast uns an die Hand genommen.
Brauche uns.»  (Jörg Zink)

Ich wünsche Ihnen einen erholsamen, guten Sommer
wo immer Sie ihn verbringen

Ihr Hans Walter Goll, Pfarrer

Zurück