Wochenbesinnung

Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.
(Lk 13, 29)

Am Vogelhäuschen

Früher, als Kind, haben wir auf dem Balkon Vögel gefüttert. Ausserhalb des Ortes, nahe am Waldrand, war das eine spannende Sache. Amseln, Grünfinken, Buchfinken, Kohlmeisen, Blaumeisen und Rotkehlchen gehörten zu den täglichen Gästen. Hin und wieder tauchte der Buntspecht mit seiner Frau auf, Dompfaffenpärchen, er in rot, sie in dezentem silbergrau, machten ihre Aufwartung, der Kleiber flitzte am Zwetschgenstamm herauf und herunter. Hin und wieder sass der Eichelhäher auf dem Geländer und die kleinen Singvögel verzogen sich, bis der schöne grosse Vogel seinen Hunger gestillt hatte. Ganz besondere Gäste, die ich nur äusserst selten, ja zum Teil nur ein einziges Mal gesehen habe, waren Schwanzmeise und Haubenmeise, einmal ein Pirol, ein Distelfinkenpärchen und ein Kernbeisser. Und dann, nicht jedes Jahr, aber an zwei, drei Male erinnere ich mich, sassen prächtige fremde Vögel da und pickten eifrig Körner. Ein Schwarm Seidenschwänze, die von Nordeuropa in den Süden zogen und bei uns ein paar Tage Station machten. Wunderschön, die verschiedenen Vögel: Beerenfresser und Körnerfresser, einzelne Pärchen und Schwärme, zutrauliche Gartenvögel und scheue Besucher aus dem Wald, jedes mit charakteristischem Federkleid und Schnabelform. Heute freue ich mich über die Berichte einer Freundin, die in ihrem wilden Garten ganzjährig Vögel füttert, beobachtet und fotografiert. Bei ihr ist die Vielfalt noch grösser, auch bedingt durch ihr “professionelleres” Futterangebot. Dafür zeigen sich bei ihr auch Beutegreifer. Auch das ist Natur, und die Habichtmutter und die Falkeneltern nutzen auch nur ihrer Art entsprechend den gedeckten Tisch. Noch viel bunter und lauter als das Vogelhäuschen im Garten habe ich im Vikariat eine Voliere in der nahen Kleinstadt erlebt. Dort gab es eine “Papageienpsychiatrie”, wo beschlagnahmte oder durch Tod ihrer Partner vereinsamte oder sonst in Not geratene Papageien und Sittiche gepäppelt wurden und in einem neuen Vogelschwarm wieder Lebensfreude fanden. Die Wildvögel und die Tauben der örtlichen Züchter mischten sich gerne unter das exotische Volk, so dass dort ein Gepiepe und Gekreische, ein Geflatter und Gehüpfe in allen Farben, Formen und Grössen zu bestaunen war. Ein Vogelparadies der besonderen Art.

Beim Lesen des Wochenspruchs musste ich an dieses bunte Gewimmel am Vogelbuffet denken. “Seht die Vögel unterm Himmel an”, sagt Jesus einmal. An ihnen sollen wir sehen, wie Gott seine Geschöpfe liebt und versorgt. Wo Menschen zusammenkommen, geht es auch so zu. Da sind die, die allein durch ihr Auftreten den Platz dominieren. Da sind kleine Frechdachse, die überall durchschlüpfen. Da sind die Schüchternen und da sind die, die in einem lauten Schwarm einfallen. Da sind die, die immer da waren und immer da sind, und da sind die durchreisenden Gäste. Nicht alle suchen das Gleiche, und nicht alle kommen mit einander aus. Manchmal macht es uns Angst, wie verschieden, ja fremd wir Menschen uns sein können. Manchmal ist es auch nur spannend und aufregend. Vielleicht liegt es auch an unserer eigenen Art, wie schwer oder leicht wir unseren Platz finden und behaupten, und wie wir die anderen wahrnehmen.

Was immer wir Menschen so für Vögel sind… wir sind als Paradiesvögel gedacht. Als Gäste an Gottes gedecktem Tisch, als seine Freunde und Hausgenossen. Von Ost und West, von Nord und Süd. Egal welche Hautfarbe, Grösse, Form und Temperament: Wir sind eingeladen. “Seht die Vögel unterm Himmel an… Euer himmlischer Vater versorgt sie. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?” Wo die Vögel zetern und zanken, können wir Menschen reden und teilen. Das Reich Gottes hat etwas von einem Vogelhäuschen, aber es ist viel mehr. Wir können es miteinander entdecken.

Ihre Pfarrerin Viola Schenk

Zurück