Wochenbesinnung

Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. 
(Jes 42, 3)

Was Macht macht

Ein geknicktes Rohr vollends abbrechen, eine heruntergebrannte Kerze ausblasen – das ist normal, das ist alltäglich. Das tun wir doch alle. Der Dichter der Bibel, der die „Lieder vom Gottesknecht“ im zweiten Teil des Jesajabuchs gestaltet hat, benutzt die Ausnahme vom Alltag als ein Bild für den, der in Gottes Auftrag und nach Gottes Willen handelt. Einer, der eben das geknickte Rohr nicht abbreisst und die Lampe zu Ende brennen lässt. Was will er damit sagen? Da ist einer, der etwas nicht tut, was er tun könnte, und was „man halt macht“. Zum Beispiel, wenn einer am Boden ist, buchstäblich oder im Bild, noch nachtreten. Wenn einem schon die Kraft ausgeht, noch eins draufsetzen, dass es vollends nicht mehr geht. Das ist ja auch gemein, denken Sie sicher. Aber geht es nicht oft so zu und her unter uns Menschen – wenn eine Schwäche sichtbar wird, wird genau darauf gezielt? Im schlimmsten Fall wird ein Mobbing daraus. Es  scheint manchmal, dass sich Menschen wie stärker und besser fühlen, wenn sie anderen zeigen können, wie schwach oder schlecht sie sind. Das geht nicht nur auf dem Pausenplatz so. Das steckt auch dahinter, wenn ganze Gruppen von Menschen pauschal abgewertet werden. Und manchmal kann so ein dummer gedankenloser Spruch einen Menschen vollends zerstören. Oder eine Entscheidung, die jemand fällt, nur „um es jemand mal zu zeigen“. Wer „es“ zeigen kann, hat Macht. Macht macht stark. Und wenn es nur eine kleine Macht ist – einen Klassenkameraden zum Heulen zu bringen, einer Kollegin das Wort abzuschneiden. Macht das stark? Wer es tut, fühlt sich zumindest so für den Moment. Aber die Macht hat klein gemacht – den Anderen, die Andere. Einem zur Seite stehen, der fertiggemacht wird – auch wenn der vielleicht wirklich Mist gebaut hat, oder jemandem helfen, Ideen zu entwickeln und vorzubringen – das würde stark machen. Beide Seiten. In einem Andachtsbüchlein habe ich den Gedanken gefunden: „Was Macht mit mir macht, hängt davon ab, woran mein Herz hängt.“ Der, von dem der Wochenspruch redet, folgt nicht dem verbreiteten Schema. Dem geknickten Rohr, dem verlöschenden Licht wird von ihm nicht vollends der Garaus gemacht. Es heisst von ihm, dem Gottesknecht, dass er Gefangene befreit, dass er Licht bringt, Freiheit und Gerechtigkeit. Es heisst auch, dass Gott mit ihm ist – Gott, der das Grasrohr wachsen liess und den Menschen das Leben gab. Jesus hat das auf sich bezogen, und sich denen zugewandt, die verachtet und verurteilt wurden. Wir beziehen uns auf Jesus… was macht Macht mit mir? Woran hängt mein Herz? Es lohnt sich, das immer wieder zu fragen.

Pfrn. Viola Schenk

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