Wochenbesinnung

Heile du mich, Herr, so werde ich heil. Hilf du mir, so ist mir geholfen. (Jer 17, 14)

Heil werden

„Heile du mich, Herr, so werde ich heil. Hilf du mir, so ist mir geholfen.“ Ein Gebet des Propheten Jeremia, der es ja schwer gehabt hat mit Gott und seinem Auftrag. Wenig Gutes hatte er zu verkünden, wenig ist ihm geglaubt worden. Er hat die Zerstörung seiner Heimat im Krieg miterlebt, ist misshandelt, gefangengenommen, verschleppt worden – von seinen eigenen Leuten. Und auch sein Verhältnis zu Gott ist nicht immer von diesem Vertrauen gekennzeichnet, das aus dieser Bitte spricht. Jeremia kennt auch tiefe Zweifel und bittere Anklagen gegenüber Gott, der ihm solch ein zerbrochenes Leben im Unheil zumutet. Ich habe in der 11. oder 12. Gymnasialklasse mit einer Freundin einen Jeremia-Roman gelesen und parallel dazu die biblischen Texte. Es hat mich seither nicht mehr losgelassen, dieses Prophetenbuch, dessen Texte weder thematisch noch chronologisch wirklich geordnet sind, als seien sie in einer Kiste gerettet und später so wie sie halt vorgefunden wurden nacheinander in eine Schriftrolle abgeschrieben worden… ein Buch einer existentiellen Gottesbeziehung, das von grossem Unheil berichtet und von der Sehnsucht nach Gottes Heil. Heil im Sinn von Frieden, von Sicherheit und Zukunftshoffnung. Heil, das die meisten von uns schon fast zu selbstverständlich hinnehmen, und Heil, auf das unzählige Menschen zu sehr hoffen, dass sie bereit sind, ihr Leben dafür zu riskieren. Es ist aber auch ein Heil im Sinn von ungebrochenem  Gottvertrauen, von einem Segen Gottes gemeint, den man spürt und mit sich trägt – dieses Urvertrauen der Hirtengeschichten, vom Gott der führt und behütet. Ein Heil, um das Jeremia ringt, der an Gott immer wieder verzweifelt, weil er Gott oft so ganz anders erlebt. Es ist auch das Heil gemeint, mit sich und seinen Nächsten im Einvernehmen zu leben. Jeremia ist unverstanden, ausgestossen, im Konflikt mit den allermeisten, die ihm nahe stehen, und er ringt mit sich selbst und dem, was aus ihm geworden ist als unfreiwillig berufener Prophet. „Heile du mich, Herr, so werde ich heil.“ Mir war und ist Jeremia gerade darum so nah und hat mich so berührt, weil sich nicht alles so einfach glättet und in Wohlgefallen auflöst. Weil die Vertrauensbekenntnisse und die Heilsworte mitten in der Not und Einsamkeit stehen, auch mitten in den Zweifeln. Vielleicht ist diese Ehrlichkeit der Bibel, die in der Zerrissenheit des Jeremiabuchs so stark deutlich wird, auch heilend? Weil es vor dem Unheil  verlogener Heilsversprechen bewahrt, in dem es zeigt, wie Gottes Heil trotzdem da ist? Gott, der immer wieder redet mit dem Propheten. Der Mandelzweig, der blüht.  Der Freund Baruch, der zu Jeremia hält. Der dunkelhäutige Palastdiener, der zur Hilfe kommt, als alles verloren scheint. Ein tröstender, zukunftsweisender Brief für die Hoffnungslosen. Ein Prophet, der sich von Gott verlassen fühlt und sich doch immer wieder auf Gott verlässt: trotzdem. Gerade jetzt trotzdem.

Ich wünsche Ihnen allen eine gute Woche,

Ihre Pfarrerin Viola Schenk

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