Wochenbesinnung

Die diesjährige «Assemblée du Désert» 2019 im Mas Soubeyran in Mialet (Cévennen). Ein Bericht.

In diesem Jahr fand am 1. September wieder das grosse Hugenottentreffen in Südfrankreich statt: Gemeinschaft ist angesagt: Einmal im Jahr begegnen sich hier in Mialet nahe des Musée du Désert Tausende von Protestanten aus Frankreich und ganz Europa zum Gottesdienst, zum Abendmahl und zu speziellen Vorträgen.

Theodor von Beza (1519-1605)
Dieses Jahr stand Theodor von Beza, der Nachfolger Johannes von Calvins in Genf im Vordergrund der Assemblée. Am Nachmittag beschäftigten sich Vorträge mit ihm. Wir feiern seinen 500. Geburtstag in diesem Jahr.
Bèze, wie er französisch heisst, flüchtete aus Glaubensgründen nach Genf. Sein Leben war in Gefahr, weil er sich dem evangelischen Glauben öffnete, was die katholischen Könige in aller Schärfe verbaten. Theodors Familie kam aus Vezelay, in Paris wuchs er auf. Er studierte Recht in Bourges. Nach der Flucht über Genf fand er zunächst ein Auskommen als Griechisch-Lehrer in Lausanne, einer der ersten evangelischen Universitäten. 10 Jahre blieb er hier und wurde sogar ihr Rektor.

Flucht in die Schweiz
1571 präsidiert er die Nationalsynode der reformierten Kirchen Frankreichs in La Rochelle, wo das erste evangelische Bekenntnis dieses Zweiges der Reformation verabschiedet wurde. 1561 wurde um des Religionsfriedens willen in Poissy ein ernstes Gespräch, eine Disputation abgehalten mit vielen Gelehrten beider Seiten. Die Hugenotten, die jahrzehntelang bis zur französischen Revolution verfolgten Protestanten Frankreichs, verteidigten hier öffentlich ihre Ideen. Bèze soll eine gute Gesundheit gehabt haben, noch mit 80 Jahren soll er aufs Pferd gestiegen sein. Mit Henri IV., dem König des Freiheitsedikts von Nantes für die Protestanten (1598-1610) hatte er ein herzliches Verhältnis.

Widerstandsrecht entwickelt
Nach der blutigen Bartholomäusnacht 1572, in der frankreichweit Tausende von Protestanten überfallartig ermordet wurden, entwickelt Beza als erster Reformator das Recht auf Widerstand, ja auf Absetzung des Tyrannen durch das Volk.

Gründer des reformierten Gesangbuches
Der sprachbegabte und wortgewaltige Beza dichtet mit dem Dichter Clement Marot die 150 Psalmen so um, dass sie im Gottesdienst gesungen werden können. Das erste reformierte Gesangbuch bestand also aus dem gesungenen «Wort Gottes», das so tief in den Herzen der Gläubigen Zugang finden soll. Überaus stärkend erlebten Generationen von (verfolgten) Protestanten in Frankreich, aber auch anderswo -bis in die Neuzeit- jenen biblischen Gesang, der Gott allein die Ehre gibt und dem Menschen seinen guten, festen Platz im Glauben: Als jemand der Gott fröhlich dankt, aber auch sein Leiden, seine Zweifel vor Gott bringen darf -wie schon einst König David und all die unbekannten Psalmbeter vorher. Man kann diese Neugründung des Kirchengesangs nicht hoch genug einschätzen. Und oft wird vergessen, dass Beza deren Mit-Urheber ist.

Ausstellung in Genf
1605 stirbt Theodor de Bèze. In Genf ist zurzeit im internationalen Museum der Reformation eine Ausstellung Theodor von Beza gewidmet. In der Stadt, wo auch das Reformationsdenkmal zu sehen ist, mit dem Nachfolger Calvins. Karl Barth, dem wir in unserer Kirchgemeinde eine Ausstellung widmen, machte von 1909 bis 1911 ein Vikariat in der deutschsprachigen Gemeinde in Genf. Calvin und Beza hat er hier aus der Nähe studieren können. Gerade auch Bezas Widerstandsrecht wird ihm aufgefallen sein und hat ihn wohl später in seiner Entwicklung geprägt.

Predigt am Morgen
Am Morgen der Assemblée predigte Pfr. Vincens Hubac über das Gleichnis vom Sämann (Markus 4). Ganz ungewöhnlich für einen Sämann, den Jesus im Bild für das wachsende Reich Gottes erwähnt: Dieser wirft kostbaren Samen auch auf felsiges  oder trockenes Gelände! Ist das nicht eine Verschwendung, muss man fragen? Für Pfarrer Hubac ein Bild für die Gnade Gottes, die ausgeteilt wird, wo man es nicht erwartet, aber auch nicht «billig» erworben werden soll (Bonhoeffer).

Wiederzufinden: Die Psalmen, ergreifend von Tausenden gesungen
 Immer wieder unterbrachen Psalmen den Gottesdienst, an dem ca. 7000 Personen teilnahmen. So etwa der ergreifende Psalm 42 oder der kämpferische Psalm 68. Beim Abendmahl, an dem meine Frau und ich teilnahmen, sang hinter mir ein älterer Herr alle Strophen eines Psalmes auswendig, laut und hörbar. Für ihn und andere sind der gemeinsame Gesang ein Höhepunkt des Gottesdienstes. Es werden immer wieder die gleichen Psalmen jedes Jahr angestimmt. Zum Abschluss des Tages gehörte -wie immer – die Cévenole, der Gesang der protestantischen Cévennenbewohner. «Salut, montagnes bien aimés, Pays sacré de nos aïeux...» Hier, in dieser teilweise unwirtlichen Gegend hatte sich der evangelische Glaube ausbreiten und auch halten können, obwohl die hiesige Berg- bzw. Landbevölkerung -wie Beza einmal sagte- damals als rückständig und rauh galt. Doch Gottes Wort kennt keine Grenzen, wie man an der bewegenden Geschichte der Hugenotten immer wieder sehen kann. Das ermutigt uns auch für heute.

Gebet mit Worten von Psalm 84 nach dem Genfer Psalter (EG 47):
«Hör mein Gebet, Herr Zebaot, vernimm mein Flehn, o starker Gott, lass mir den gnädig Antlitz scheinen. Ein Tag im Haus, wo man dich ehrt, ist mehr als tausende sonst wert; und darf ich mich mit dir vereinen, so lass ich gern die stolze Welt, wie laut sie ihren Festtag hält...du segnest jeden, der dich liebet. Wie selig ist, wer auf dich baut und deiner Macht und Gnade traut.»

Herzlich sind Sie auch zur Karl-Barth-Ausstellung eingeladen. Näheres ist der Webseite zu entnehmen.

Es grüsst Sie herzlich

Ihr Hans Walter Goll

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