Wochenbesinnung

Leben- ein Geschenk Gottes

«Selbstbestimmt» Leben und Sterben, immer wieder wird dieser Gedanke in der Sterbehilfediskussion verwandt. Gerade wieder in einem langen Interview mit dem massgeblichen Vertreter der Sterbehilfeorganisation Dignitas, Ludwig A. Minelli, das die Neue Zürcher Zeitung am letzten Montag veröffentlichte. Dieser bekannte in diesem Sinne in dem Interview: «Jeder soll über seinen eigenen Tod entscheiden können». Mir hat dieser einfache, klare Satz noch einmal vor Augen geführt, wo die Unterschiede im Umgang mit Leben und Tod liegen in der heutigen Diskussion. Zwischen einer «Selbstbestimmung» und dem Selbstverständnis eines religiösen Menschen. Religion kommt von dem lateinischen Wort «Binden, Festbinden».

Der religiöse Mensch und das Leben

Der religiöse, an Gott oder eine höhere Macht gebundene Mensch versteht sein Leben bis zum Ende grundsätzlich anders als selbstbestimmt. Als im Gegenteil «abhängig» nämlich. Er fühlt sich gebunden an die Weisungen Gottes wie die 10 Gebote zum Beispiel. Und er vollzieht aktiv diese Bindung, als immer wiederkehrende Entscheidung. Wir beten so auch in jedem Gottesdienst «Dein Reich komme, dein Wille geschehe, dein Name werde geheiligt», und das steht manchmal unserem Willen entgegen. Der religiöse Mensch versteht sich als Geschöpf, das sein Leben einem Schöpfer verdankt. Aus dieser Dankbarkeit ergibt sich die tätige Mithilfe an den anderen Geschöpfen. Die Suche nach der Gerechtigkeit für alle, die der religiöse Mensch auch mit vielen nicht-religiösen Menschen teilt.

In dieser festen Verbundenheit mit Gott kann der leidende Mensch noch Trost und Annahme finden, wie es etwa beispielhaft Psalm 23 oder 73, 26 formulieren: «Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachten, so bist du doch Gott, meines Herzens Trost und Teil.» Dies gibt auch noch dem schwächsten Menschen einen unendlichen Wert, eine unzerstörbare Würde. Das Leiden, die Verletzlichkeit machen den Menschen nicht wertlos, wie es manche Ideologien vertreten.

Deshalb auch das Zögern, die Abwehr, diesem geschenkten Leben ein Ende zu setzen.

Dazu gehört auch der Wille, in einer ausweglos erscheinenden Situation noch nach Sinnmöglichkeiten zu suchen und darum zu beten. Auch ein leidender Mensch kann durchaus noch Sinn finden (V. Frankl), wenn er danach suchen will. Das ist für mich ein ganz wichtiger Gedanke. Es gibt unzählige Beispiele dafür. Nehmen wir z.B. den unfallgeschädigten Kriegsfotograph Gilles Duley. Sein linker Arm ist teilweise amputiert. Er ist Rollstuhlfahrer. 37 Operationen musste er über sich ergehen lassen, nachdem er in Afghanistan 2011 auf eine Mine trat. Jetzt weckt er mit seinen Bildern die Menschen auf: Für die Menschen am Rande, für die vergessenen Opfer des Krieges und der Flucht. «Ich bin nach meinem Unfall ein noch besserer Fotograph geworden», erzählt er.

Wie oft hilft auch eine Ermutigung von aussen, neuen Lebensmut zu gewinnen. Ein Netz von Beziehungen, das trägt. Dazu allerdings sind wir auch alle aufgerufen. Die «Telefonseelsorge» (mit der Nummer 143, sie wird auch in dem genannten Artikel interessanterweise aufgeführt) ist dies u.a. umgesetzt worden. Einsamkeit ist sicher heute ein grosses Problem.

Noch etwas fiel mir auf: Wenn man genau hinschaut, entpuppt sich ein grundsätzlich «selbstbestimmtes» Leben als Illusion. Ich bin auch als gesunder, glücklicher  Mensch von so vielen Menschen um mich herum «abhängig»: Z.B. von dem Arzt, der mir in der Not hilft, dem Polizisten, der einschreitet, wenn Unrecht passiert, von der Journalistin, die seriös recherchiert und mir keine Fake-News, keine Verschwörungstheorien liefert. Der Lehrerin, die mir die Freude am Lesen und Schreiben weitergegeben hat. Von meinen direkten Mitmenschen, denen ich verbunden bin.

Ich möchte schliessen mit einem Wort unseres Herrn Jesus Christus aus Matthäus 11,28: «Kommt her zur mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.» Und Kolosser 3,16: «Lasset das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in Weisheit.»

Es grüsst Sie herzlich

Ihr Hans Walter Goll, Pfarrer

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