Wochenbesinnung

Ewigkeitssonntag

«Jesus Christus  ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt.»
(Römer 8,34)

1919, also vor 100 Jahren schrieb der deutsche Dichter Iwan Goll  (eigentlich Isaac Lang; * 29. März 1891 in Saint-Dié, Frankreich; † 27. Februar 1950 bei Paris) das Gedicht «Die Einsamen»:

«Sie wandern täglich zum Boulevard und kehren täglich einsamer heim,
Sie blicken in jedes braune Aug´ und möchten so gern einmal Bruder sein,
Hingeben sich einem lächelnden Mund, o an ein fremdes Leid hinsinken!
Sie sind von denen, die immer im hochgeschlagenen Mantel frieren
Und vor Kinos stehen bleiben und den grossen Hotels,
die im Abend blinken,
Sie träumen selig Kinderland vor Konditoreien und Juwelieren,
Ach sie möchten sich so an den liebenden Bruder verlieren!
Sie haben so eine Seele voll von dunklem Glück und Dank. Die schaukelt wie ein offener Kelch im schattigen Dorngezänk,
Draus Tränen und Tau träufelten viel, käm nur ein leiser Wind vorbei,
O´ käme nur  Einer, ein wildfremder Menschen, und hörte ihren stummen Schrei».

Soweit das bewegende Gedicht. Es beschreibt einfühlsam die Einsamkeit eines Grossstädters oder ganz einfach die Einsamkeit, die einen Menschen treffen kann. Aus der Telefonseelsorge hören wir, dass dies ein (verborgenes, verdrängtes) Hauptthema unserer Gesellschaft ist. Wer gibt zu, dass er sich einsam fühlt. Die Einsamkeit, die kann auch Jugendliche treffen, die sich nicht verstanden fühlen. Die sich vielleicht auch selbst in ihrem Alter einmal gerne zurückziehen, um sich selbst zu finden und auszuprobieren.

Trauer
Einsamkeit, neue Einsamkeit kann es auch für Menschen geben, die jemand in diesem zu Ende gehenden Jahr verloren haben. Auch früher schon. Jemand, ganz nahestehend vielleicht, jemand Geliebtes.

Auf einmal allein. Was für ein Verlust. Er ist nicht zu beschreiben. Es fehlt dann auch jemand, mit dem ich mich austauschen kann. Dem ich Fragen stellen kann, der mit mir um Antworten ringt. Ja, der einfach mit mir ist.

Ewigkeitssonntag statt «Totensonntag»
Wir feiern an diesem Sonntag den Ewigkeitssonntag. Früher sagte man oft «Totensonntag». Aber das ist irreführend. Die Ewigkeit, die Überwindung des Todes, der sein Gesicht auch in der Einsamkeit zeigt, die ausstehende endgültige Überwindung von Schmerz und Leid -die ist an diesem Sonntag vor dem ersten Advent angesagt. Nichts anderes. Wir feiern das Licht in der Dunkelheit.

Ja, Trauer ist gut, ist wichtig, aber es ist gut, wenn sie in etwas wie aufgehoben ist. Wie der Apostel Paulus im Römerbrief überschwänglich schreibt, ist all das Schwere des Lebens in der Liebe Christi aufgehoben! Die Liebe Christi für uns. Wir sind deshalb nicht einsam. Nie sind wir einsam. Jesus Christus ist da. Er versteht uns. Zu ihm dürfen wir beten, ihm unsere Gefühle anvertrauen. Er ist ans Kreuz gegangen, in die tiefste Einsamkeit. Er ist auferstanden. Er ist unser Herr.

Hoffnung
Deshalb haben wir in ihm die Hoffnung auf die Ewigkeit, in der auch unsere Nächsten, die Verstorbenen auch im Glauben aufgehoben sind. An anderer Stelle schreibt Paulus: «Unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selbst. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und auferstanden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.» (14,7-9) Das ist ein grosser Trost. Auch in den windigen, kalten Strassen einer lichtdurchfluteten, aber dennoch manchmal dunklen Grossstadt an Sonntagnachmittagen oder an Feiertagen. Oder im November noch am Ewigkeitssonntag. Am Grab vielleicht, unter Tränen.

Ich grüsse Sie herzlich nun mit Lied 746,1 und 7: «Ja, ich will euch tragen bis zum Alter hin. Und ihr sollt einst sagen, dass ich gnädig bin….Lasst nun euer Fragen, Hilfe ist genug. Ja, ich will euch tragen, wie ich immer trug.»

Vertrauen wir dieser lebendigen Zusage Gottes, die auch vor dem Tod nicht haltmachen muss, und will, wie alles andere. Gott gebe uns dazu seinen Geist.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Ewigkeitssonntag

Ihr Pfarrer Hans Walter Goll

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