Wochenbesinnung

Die Osterkerze, Gottes Barmherzigkeit und das Zeichen des Jona

Vielleicht haben Sie schon unsere neue Osterkerze gesehen oder kommen sie an einem der nächsten Sonntage anschauen. Ich möchte Ihnen gern die Motive darauf vorstellen.

Zunächst haben wir das Kreuz und die griechischen Buchstaben Alpha und Omega. In der Offenbarung, dem rätselhaften letzten Buch der Bibel, nennt sich Jesus Christus in der Vision an Johannes, den Seher immer wieder "das A und das O, der Erste und der Letzte". Alpha und Omega sind der erste und der letzte Buchstabe des griechischen Alphabets. Damit wird ausgedrückt, dass Jesus Christus am höchsten steht und am tiefsten Punkt war; dass aus der Kraft, die ihn vom Tod erweckt hat, am Anfang die Welt geschaffen wurde und am Ende die Schöpfung vollendet werden wird. Dass mit der Kraft von Gottes Liebe alles beginnt und alles dort sein Ziel findet - gibt es etwas passenderes auf einer Kerze, die zu Taufen und Abdankungen, dem Beginn und Ende eines Christenlebens, und zu jedem Gottesdienst brennen wird?

Dann die Jahreszahl: 2021. Das erklärt sich an sich von selbst. Aber es ist doch wichtig. Gottes schöpferische Liebe, die friedenstiftende Kraft Jesu Christi und die Gemeinschaft im Heiligen Geist sollen nicht abstrakte Ideen bleiben - es soll immer wieder im hier und jetzt konkret werden. Daran erinnert uns die Jahreszahl.

Und dann die Bildmotive: Ein Regenbogen und ein Mensch im Maul eines Fisches, dazu eine grüne Pflanze. Die Motive wollen die Jahreslosung illustrieren - "Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!"(Lk 6,36) Gottes Barmherzigkeit zeigt sich in der Geschichte vom Regenbogen, der als Zeichen an den Himmel gesetzt wird, dass Gott nie mehr das Leben auf der Erde zerstören will, obwohl die Menschen immer wieder Böses tun. Heute mahnt uns der Regenbogen auch in verschiedenen Bannern zu einem liebevollen und achtsamen Umgang mit dem Leben: Seien es Menschen, die anders lieben als die Mehrheit und dafür lange Zeit ausgegrenzt wurden, sei es die Friedensbewegung oder die Umweltschutzorganisation "Greenpeace", sie alle werben unter der Regenbogenfahne für ihre Anliegen. Eine andere Barmherzigkeitsgeschichte ist auch die Geschichte vom Propheten Jona, der erst vor seinem Auftrag, den Untergang Ninives zu verkünden, davonläuft und im Laufe der Geschichte von einem Fisch verschlungen und wieder ausgespuckt wird. Trotzdem endet alles gut - für den widerspenstigen Propheten, der sein Amt und seine Berufung behalten darf, für die Niniviten, die am Ende von Gott begnadigt werden, und sogar für die Seeleute, die Jona ins Meer geworfen hatten - sie werden im Sturm gerettet und glauben am Ende an den Gott Jonas (diesen Part, die Rettung und den Glauben der heidnischen Seefahrer, lieben übrigens die jüdischen Auslegungen besonders!). Jona allerdings ärgert sich über Gottes Erbarmen über Ninive, er ist gekränkt, dass das Unheil, das er verkündete, nicht eintrifft, und möchte die heidnischen Sünder vernichtet sehen. Er hat sich dafür einen Aussichtsplatz gesucht - im Schatten einer prächtigen Rizinusstaude. Diese Staude stirbt aber so schnell ab, wie sie gewachsen war, und Jona will daraufhin nicht mehr leben, so sehr ärgert ihn das. Darauf stellt ihm- und uns - Gott eine Frage: "Du hast Mitleid mit der Pflanze, die du nicht gepflanzt und nicht gepflegt hattest - und ich soll kein Erbarmen haben dürfen mit einer Stadt voll Menschen und Tieren, die ich geschaffen habe?" Darum wird auf der Kerze nicht nur Jona aus dem Fisch gespuckt, sondern es wächst ihm auch der Rizinus vor der Nase: Gottes Liebe und Erbarmen gelten nie nur einem allein.

Weil aber die Sintflut- und die Jonageschichte Wassergeschichten und Rettungsgeschichten sind, wurden und werden sie mit der Taufe in Verbindung gebracht. Die Taufe, sagt der Apostel Paulus, sei nämlich ein Symbol für den Tod und die Auferstehung von Jesus. Wir werden in die Jesus-Geschichte "hineingetauft": In den Tod hinein, und dann hindurch in ein neues Leben. So wie auch Noah und Jona Tod im Wasser und Rettung zu einem neuen Leben erfuhren.

Und die Jonageschichte hat Jesus selber mit seiner Geschichte verglichen. Als von ihm gefordert wird, durch "ein Zeichen", also etwas Besonderes, ein Wunder oder eine grosse Tat, zu beweisen, dass er von Gott gesandt ist, da lehnt Jesus das ab. Kein anderes Zeichen als "das Zeichen des Jona" sollten die Menschen erhalten (Mt 12,38-42, Lk 11,29-32). Matthäus deutet das Jonazeichen als Tod, Begrabensein und Auferstehen - wie Jona im Fisch. Bei Lukas bleibt es offen. Für mich ist das Jonazeichen Gottes immer wieder neues Erbarmen ohne die engen Grenzen, die wir Menschen ihm oft setzen wollen. Diese grosse, weite Barmherzigkeit und Liebe hat auch bei Jesus viele gestört. Und doch leben wir alle davon!

Unsere Kerze soll uns bis zum nächsten Ostern daran erinnern: "Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!" Jesus, der tot war und lebt, ist das Licht der Liebe Gottes für die Welt. Er will auch in unserem Leben leuchten.

Viola Schenk, Pfarrerin

Zurück