Wochenbesinnung

«Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat» (Psalm 121, 1-2)

«Wunderbare Berge »
Die Berge, sie sind nicht nur Zufluchtsort für viele, die der sommerlichen Hitze dieser Wochen entfliehen wollen, sondern sie sind auch grossartiger Teil der Schöpfung. Kein Wunder, dass sie auch in der Bibel zahlreich, in allen Varianten vorkommen. Für unsere Schweiz sind sie ein bedeutendes Kennzeichen, die Toblerone besteht bekanntlich aus vielen zusammengesetzten hohen «Bergen».
Berge, was schenken sie uns alles? An was erinnern sie uns? Was ermöglichen sie uns? Haben Sie auch was Herausforderndes?
Ich gehe jetzt diesen Fragen nach - aus Dankbarkeit. Dankbarkeit über dieses Wunder, das Gott uns geschenkt hat, unser Schöpfer. Markante Bibelstellen erinnern schon daran: „Wer wird bleiben auf des Heiligen Berge, dem Berg Gottes?“ - heisst es in Psalm 15. Oder in Ps 36,7: „Gott, deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes“.
Auf dem Berg am Sinai empfing Mose die 10 Gebote, die Regeln, die Leben schaffen und bewahren. In Psalm 121, der auch über unsere Besinnung steht, betet jemand, der viel Angst hat, aber doch zuversichtlich bleibt. Er vertraut sich ganz Gott an: «Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe?» Auf dem Berg Moria zeigte Abraham (mit seinem einzigen Sohn Isaak) seinen ungeheuren Glaubensgehorsam, eine ganze zentrale Geschichte für das Verstehen des Judentums, nach Rabbiner Schmuel Daum.
Ja, die Berge machen bescheiden. Mit ihrer oft imposanten Grösse und Unnahbarkeit. Nehmen wir hier in der Nähe den Piz Beverin z.B. oder den Piz Mundaun in der Surselva. Wie klein erscheint der Mensch, der sie Schritt für Schritt besteigt und der Vergänglichkeit unterworfen ist.
Berge geben Distanz: Auf dem langen Weg vom Tal nach oben, auf gewundenen, steinigen Pfaden, vergisst man manche Sorge, manche hektischen Gedanken des Alltags. Man kann und soll nur an den nächsten Schritt und Tritt denken. Wie am besten jeden Tag nur an diesen Tag oder noch den Nächsten.
Berge sind nicht schnell zu erobern. Sie müssen sie stetig und ausdauernd erobert werden, Schritt für Schritt. Kein schneller Mausklick am Computer oder ein Antippen auf dem Smartphone bringen sofort die gute Aussicht. Es dauert.
An steilen Bergen lerne ich Vertrauen. In meine eigenen Fähigkeiten. In den Bergführer, der den Weg genau kennt. Zu Gott, der meinen Schritt bewacht, wenn ich ihn darum bitte, wie es in Psalm 121 heisst.
Berge können Gefahren beinhalten: Plötzliche Wettereinbrüche, die drohen oder schwierige Wegstrecken…, gefährliche Übergänge.
Berge strahlen Frieden aus. Wahnsinnig oft, die Ruhe. Hoch über dem Tal. Wenn niemand hier noch telefonieren muss oder kein Flugzeug in der Nähe brummt.
Berge machen gleich. Hier ist der König gleich dem Diener, wenn er nicht in einer Sänfte hochgetragen wird. Er muss selbst laufen. Sie haben etwas Demokratisches an sich.
Berge machen auch stolz. Wenn man sie bezwungen hat. Wenn der Mensch sie sogar in Kulturland umwandeln konnte. Wie einst die Walser einst bisher ganz abgelegenen Gebiete. Dann auch beim Aufbau einer soliden Alpbewirtschaftung, mit ihren schmackhaften und gesunden Produkten wie dem Alpkäse.
Was zeichnet Menschen aus, die mit Bergen aufwachsen, ein Volk, das mit Bergen lebt, leben muss, leben darf?
Ist es besonders religiös? Dem Glauben nah? Das kann man sicher nicht so einfach sagen. Aber, ich denke, ein Land, das von Bergen geprägt ist, dem ist eine grosse Brücke gebaut zur Bescheidenheit, zur Demut. Weiss nicht jeder Berggänger, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen? Unser Land, dessen Nationalfeiertag wir heute am 1. August - wenn ich diese Aufnahme für Sie mache - wieder begehen, hat keine Seeverbindungen, mit denen es grosse Pläne, wie eroberte Kolonien, entwerfen konnte wie z.B. Portugal oder die Niederlande. Da ist es auch vor manchem bewahrt worden. In Gesprächen als Anstaltsseelsorger für Ausschaffungshäftlinge habe ich schon manches Gespräch mit einem Flüchtling geführt, der aus solchen ehemaligen Kolonien nach Europa flüchtete aus einer Not heraus – und nun wieder zurückmuss. Ich hörte viel über die beklagenswerte Situation heute in dem ehemals kolonisierten Land aus dem er kommt. Nicht wenige sind übrigens religiös.
Noch etwas: Ein Land mit den Bergen schliesst sich nicht so schnell mit grösseren Ländern in den Ebenen zusammen. Es bleibt lieber neutral. Es drängt sich nicht auf. Es ist und war in seiner Geschichte genug mit der täglichen Not beschäftigt. Irgendwo in weiten Ebenen zu kämpfen ist ihm fremd. Das schadenstiftende Söldnerunwesen wollte Zwingli schon abschaffen.
Nun, ein gebirgiges Land ist aber auch nicht so einfach zu erobern. Der berühmte «Reduit-Plan» General Guisans beruhte darauf. An Afghanistan haben sich schon viele fremde Mächte die Zähne ausgebissen: England, Russland, zuletzt die USA.
Die Berge stehen so oft auch im Weg. Es gilt sich erst zusammenzufinden, zusammenzuschliessen, von Talschaft zu Talschaft, wie hier im Kanton mit seinen vielen Tälern seit Jahrhunderten. Es gilt auch immer wieder, bei aller verschiedenen Meinung, die gehört werden soll und muss in einem freien Land, einen Konsens miteinander zu finden, eine gemeinsame Basis. Das ist eine Aufgabe, an der jeder mitwirken kann. So wie die Eidgenossenschaft insgesamt langsam, Schritt für Schritt entstanden ist. Hier kann keiner grosse Reden schwingen und den «Berg der Macht» im Laufschritt erklimmen. Ist es nicht so. Bergler sind kritisch und lieben die Unabhängigkeit.
Was habe ich noch alles vergessen? Übersehen? Oder sehen Sie manche Dinge auch anders? Vergessen habe ich z.B. Redewendungen wie: «Der ist jetzt über die Berge» oder ein ganz wichtiger Satz und Gedanke: «Der Glaube versetzt Berge». Heute noch wichtiger als je zuvor. In diesen unsicheren und bewegten Zeiten. Er macht uns Mut. So wie sich auch der Psalmbeter von Psalm 121 Mut macht und sich selbst bekenntnishaft die Antwort gibt auf seine Anfangsfrage.

Noch was vergessen?
Oder ich hätte auch noch mehr Geographie hineinbringen können, wie das der Westschweizer Autor Frank Bridel in seinem schönen Buch: «Aimer pour Vivre» tut, zu Deutsch: «Lieben, um wirklich zu leben». Erwähnen z.B. dass Genf den Mont-Blanc vor sich hat, Lausanne den La Dent d´ Oche, Vevey den Grammont oder Montreux die Dents du Midi. Und wie Frank Bridel es griffig gleich zu Beginn seiner Besinnung über die Berge zusammenfasst: «Die Berge sieht man von weitem und geniesst sie aus der Nähe…».

Ich möchte schliessen mit zwei trostreichen, ermutigenden Worten. Einmal aus Psalm 90, 2: «Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du, Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit.» und Jesaja 40, 4-5: «Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden; denn die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden, und jeder wirds sehen…».
Das verbindet uns, das verbindet die Menschheit und gibt jedem von uns Ansporn, dankbar zu sein für das was ist, und daran mitzuwirken, dass die «Hügel der Not» auf unserer Erde kleiner werden.

 

   

Es grüsst Sie herzlich und wünscht erholsame Sommertage
Hans Walter Goll

 

 

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